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Alumnus David Reichelt: „Ich hatte nie einen Plan B!“

22.05.2026

Vom Studium an der LMU zum Komponisten für große Serien- und Kinoproduktionen: David Reichelt erzählt, wie er trotz Widerständen seinen Weg zur Filmmusik gefunden hat – und was es braucht, um sich in der Branche durchzusetzen.

Sie haben Musikwissenschaft, Musikpädagogik und Informatik an der LMU studiert – eine eher ungewöhnliche Kombination.

David Reichelt: Für mich war das sehr passend: Ich hatte schon in der Schule Musik und Mathe als Leistungskurse. Musikwissenschaft war für mich der Grundstock – ich wollte alles über Musik und ihre Geschichte wissen. Musikpädagogik habe ich gewählt, da dieses Fach auch viel Theorie beinhaltet. Informatik brauchte ich, da meine Arbeit am Computer stattfindet. Ich arbeite an einer Digital Audio Workstation, da ist neben dem Komponieren auch ein hoher technischer Anteil bei der Arbeit mit dabei. Heute kommt mir das sehr zugute, weil ich mir eigene Tools für meinen Workflow programmieren kann.

Sie haben sowohl an der LMU als auch an der Hochschule für Musik und Theater München studiert. Wie haben Sie diese Zeit in Erinnerung?

Reichelt: Meine Studienzeit hat mir unfassbar viel Spaß gemacht. Schon in der Schulzeit habe ich jede freie Minute musiziert. Durch das Studium hatte ich die Möglichkeit, mich rund um die Uhr mit Musik zu befassen. Ich war ziemlich übermotiviert und hatte schon im ersten Semester alle Scheine für das Grundstudium zusammen.

David Reichelt rasiertem Kopf und Bart, trägt ein schwarzes Hemd und eine Partitur mit einem Dirigentenstab in den Händen hält.

Filmkomponist David Reichelt

© Emanuel A. Klempa

Sie interessieren sich seit Ihrer Kindheit für Musik und haben früh begonnen zu komponieren. Was hat Sie damals so dafür begeistert?

Reichelt: Ich bin der einzige Musiker in meiner Familie, meine Eltern waren aber immer sehr kulturinteressiert. Ich wurde von klein auf in Konzerte und in die Oper mitgenommen und bei der musikalischen Früherziehung angemeldet. Mit sechs Jahren habe ich angefangen, Saxofon zu spielen. Am Klavier meiner Großeltern habe ich meine ersten eigenen Melodien geschrieben. Es war einfach ein innerer Drang, mich musikalisch auszudrücken.

Schon in der Schule haben Sie Musik für Theaterstücke geschrieben und Szenen vertont. Wann haben Sie gemerkt: Das geht in Richtung Filmmusik?

Reichelt: Ein Lehrer hat meine Theatermusik gehört und mich auf Kompositionswettbewerbe des Kultusministeriums hingewiesen. Ich habe meine Werke eingereicht und immer wieder gewonnen. Das hat mich in meinem Vorhaben bestätigt und ich habe mich schon in der 7. Klasse erkundigt, wo es möglich ist, Komposition zu studieren.

Sie haben sich früh entschieden, keinen „Plan B“ zu verfolgen, sondern sich ganz auf die Filmmusik zu konzentrieren. Heute zögern viele junge Menschen eher – woher kam bei Ihnen dieses Vertrauen?

Reichelt: Es ist das, was mich erfüllt hat. Ich hätte nichts anderes machen wollen. Es gab auf alle Fälle schwierige Phasen, aber ich habe meinen Traum nie ernsthaft infrage gestellt. Als ich mich bei Musikhochschulen beworben habe, habe ich 18 Absagen erhalten. Beim 19. Mal hat es dann geklappt. Die Absagen waren zum Teil unvorteilhaft formuliert, etwa mit der Begründung fehlender künstlerischer Begabung. Das hat mich allerdings eher motiviert als entmutigt.

Wie sieht Ihr Arbeitsalltag aus?

Reichelt: Ich arbeite grundsätzlich gegen die Zeit, da die Postproduktionspläne sehr eng getaktet sind. Meist habe ich mehrere Projekte gleichzeitig und versuche, diese blockweise abzuarbeiten, da man sich sonst in jede Klangwelt neu einfinden muss. Ich lese zuerst das Drehbuch und entwickle am Klavier die Themen. Sobald die ersten Bilder vom Dreh da sind, sitze ich im Studio, vertone die Szenen und produziere die Musik. Mein Arbeitsplatz sieht ein wenig aus wie eine Schaltzentrale mit mehreren Monitoren, Controllern und Synthesizern. Ich nehme viel mit Studiomusikern auf, bald auch wieder mit Orchester. Zudem habe ich oft Besuch von Regisseuren im Studio und wir gehen gemeinsam den Film durch: Welche Perspektive erzählen wir, wo setzen wir Akzente? Ich arbeite grundsätzlich sieben Tage die Woche und diese im Schnitt so 12 bis 15 Stunden am Tag.

Wie kommen Sie an Ihre Aufträge?

Reichelt: Schon während meines Studiums habe ich begonnen, mich mit den Studierenden der Filmhochschule zu vernetzen. Daraus sind meine ersten Projekte entstanden und viele dieser Kontakte sind heute selbst in der Branche tätig. Inzwischen melden sich Produktionen häufig direkt bei mir, meist weil sie meine Musik in anderen Projekten gehört haben und ihnen die Art und Weise, wie ich an die Musik rangehe, gefällt.

Als Filmkomponist arbeiten Sie eng mit Regie und Produktion zusammen. Wie viel kreative Freiheit haben Sie da noch?

Reichelt: Es ist immer ein gemeinsamer Prozess. Als Filmmusiker setze ich die Vision der Regie um. Dafür muss ich diese verstehen und wissen, wie ich das musikalisch übertrage. In dieser Umsetzung bin ich dann sehr frei und habe die Möglichkeit, mit neuen Klangfarben zu experimentieren. Mir ist es immer ein persönliches Anliegen, jedes Projekt individuell zu gestalten und einen eigenen Signature Sound zu finden.

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Für die Serie „Call My Agent! – Berlin“ haben Sie einen orchestral geprägten Soundtrack entwickelt. Wie kam das?

Reichelt: Für die Produktion war es, glaube ich, nicht leicht, den richtigen Stil zu finden. Es gab dann einen Pitch mit mehreren Komponisten, bei dem wir zwei Szenen vertonen sollten. Im Austausch mit Regie und Produktion hat sich relativ schnell ein gemeinsames Verständnis dafür entwickelt, was die Musik leisten sollte. Ich hatte einen Tag Zeit, das umzusetzen. Danach habe ich die Zusage bekommen und eine Woche lang das komplette musikalische Material für die Serie entwickelt. In den folgenden Wochen habe ich dann Folge für Folge durchgearbeitet und umgesetzt.

Sie wurden sowohl für „8 Tage“ als auch für „König Laurin“ mit dem Deutschen Filmmusikpreis ausgezeichnet. Was war an diesen Projekten für Sie musikalisch besonders?

Reichelt: Die erste Auszeichnung war natürlich besonders, da es mein erster Kinofilm war. „8 Tage“ ist bis heute meine Lieblingsklangwelt. Die Serie war einfach eine perfekte Vorlage. Ich habe klassische Stile aufgegriffen, um diese modern zu adaptieren. Mein Studium der Musikwissenschaft war für dieses Musikkonzept definitiv eine wertvolle Grundlage.

Sie haben unter anderem die Filmmusik für „Die drei Fragezeichen“ komponiert – ein Stoff mit großer Fangemeinde. Hat Ihnen das noch einmal eine andere Aufmerksamkeit gebracht?

Reichelt: Auf jeden Fall! „Die drei Fragezeichen“, das ist einfach eine Marke, die viele kennen. Egal, woran ich aktuell arbeite, das taucht in Gesprächen immer wieder auf. Mit dem Regisseur bin ich befreundet und habe mit ihm auch schon davor gearbeitet, daher macht die Zusammenarbeit dieser Reihe total Spaß. Gerade für den dritten Teil haben wir mit großem Orchester und Chor gearbeitet, das war noch mal eine ganz andere Dimension.

Die Musik in Filmen bemerken viele nicht. Stört Sie das?

Reichelt: Das stört mich überhaupt nicht. Bei „Hindafing“ habe ich sehr auffällige Jazzmusik geschrieben, das dachte ich jedenfalls. Nach der Premiere hat mir einer der Hauptdarsteller gesagt, dass er von der Musik gar nichts mitbekommen hat, das hat mich tatsächlich sehr gefreut, das zu hören, da sich die Musik dann trotzdem gut in die Serie integriert hat.
Meiner Ansicht nach darf sich die Musik sich nicht nur funktional an den Film hängen, sie sollte eine neue Ebene eröffnen und dem Film einen Mehrwert geben.

Sie arbeiten für unterschiedliche Auftraggeber – vom Kino bis zur Serie. Haben Sie das Gefühl, dass Musik heute glatter ist und stärker „funktionieren“ muss als früher?

Reichelt: Ich bin mir nicht sicher, ob das nicht schon immer so war. Es braucht grundsätzlich Mut, Dinge anders zu machen und einen Film neu und innovativ zu erzählen. Da viel Geld hinter Produktionen steckt, geht es auch oft darum, die Risiken eines Misserfolgs zu minimieren, und natürlich wird dabei oft der gewohnte Weg gewählt. Ich arbeite aber zum Glück viel mit Leuten, die bewusst nach besonderen Ansätzen suchen.

Künstliche Intelligenz kann inzwischen auch Musik generieren. Verändert das Ihren Beruf?

Reichelt: KI hat die Filmlandschaft sicher jetzt schon verändert. Aber eine KI arbeitet mit Wahrscheinlichkeiten und so funktioniert weder Kunst noch ein guter Film. Genau das unerwartete Element, eine neue Perspektive macht den Unterschied auch für einen guten Score, daher bin ich zuversichtlich, was die Zukunft der Filmkomponisten betrifft.

Sie haben bis 2020 an der LMU als Dozent unterrichtet. Warum jetzt nicht mehr?

Reichelt: Durch die Coronapandemie gab es keinen Präsenzunterricht mehr. Mir hat es viel Spaß gemacht, zu unterrichten und Wissen zu vermitteln. Dazu gehört auch, mit den Studierenden im Dialog zu stehen, um auf den vorhandenen Wissensstand eingehen zu können, und ein Gefühl dafür zu bekommen, ob die vermittelten Inhalte verstanden wurden. In der Form des Online-Unterrichts hat mir das allerdings deutlich weniger Freude bereitet. Ich finde Lehre aber nach wie vor spannend und könnte mir das auch wieder vorstellen.

Was war Ihnen bei Ihrem Kurs besonders wichtig?

Reichelt: In meinen Kursen ging es um Gehörbildung, Musiktheorie und Analyse. Die Studierenden sollten ein Grundverständnis für die Thematik entwickeln und nicht nur für Prüfungen lernen. Gerade deswegen war mir auch wichtig, dass sie lernen, wissenschaftlich und methodisch zu arbeiten.

Würden Sie jungen Menschen heute eine Karriere in der Filmmusik empfehlen?

Reichelt: Das ist eine Entscheidung, die man sich gut überlegen sollte. Der Beruf verlangt vollen Einsatz, da kann man keine Kompromisse eingehen. Aber wenn man weiß, dass es einen erfüllt, finde ich es richtig, diesen Weg zu gehen. Entscheidend ist dabei, dass man sich früh ein Netzwerk aufbaut, das ist das A und O. Mit einem guten Netzwerk würde man auch als mittelmäßiger Komponist durchkommen, ohne Netzwerk wird es selbst für einen sehr guten Komponisten schwierig.

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